Soll man auf eine Buchkritik antworten? Vermutlich nein. Nun wurde mein neues Buch „Marilyn Monroe liegt auf der Couch und spricht über Sex“ in der Süddeutschen Zeitung auf einer halben Seite besprochen, noch bevor ich selbst ein Exemplar des neuen Buches überhaupt in der Hand gehabt habe. Und ich wurde mehrfach darauf angesprochen, was ich denn von dieser Rezension halte. Darum hier ein paar wenige Worte zu dem Thema.
Auch „bad news“ sind „news“, sagt man ja. In dieser Hinsicht sorgt auch eine negative Besprechung für Aufmerksamkeit. So weit, so gut? Nun wünscht sich ein Buchautor aber doch schon, dass der Rezensent sein Buch komplett liest. Dass dies ein vaner Wunsch ist, musste ich schon bei meinem letzten Buch („Küssen. Eine berührende Kommunikationsart“. S. Fischer-Verlag) lernen. Damals begann eine Journalistin ihr Gespräch mit mir mit den legendären Worten: „Können Sie mir am Anfang kurz sagen, worum es in Ihrem Buch überhaupt geht?“ Auf meine Gegenfrage, ob sie das Buch denn nicht selbst gelesen hätte, antwortete sie, nein, dafür habe sie wirklich keine Zeit.
In meinem neuen Buch geht es um das historisch verbürgte Zusammentreffen der Hollywood-Schauspielerin Marilyn Monroe und der Grand Dame des Psychoanalyse Anna Freud, Tochter von Sigmund Freud.
Was den SZ-Rezensenten an meinem Buch am meisten wurmt, ist die von mir gewählte Methode. Viele von mir recherchierte Inhalte werden in meinem Buch nämlich zur Veranschaulichung in Dialogform wiedergegeben, obwohl es in der Tat über den tatsächlichen Wortlaut der psychoanalytischen Gesprächssituation zwischen Monroe und Freud keine Aufzeichnungen gibt – wie generell in psychoanalytischen Beratungssituationen. Daraus schließt der SZ-Rezensent:
„… letztlich hat Haarkötter dem Leser nichts Konkretes außer Mutmaßungen zu bieten, die er in Dialoge zwischen Anna und Marilyn gießt, die er sich schlicht ausgedacht hat“.
(Süddeutsche Zeitung)
In seiner Kritik geht indes der Kritiker nicht über das hinaus, was ich ohnehin in der Einleitung meines Buches (die er vielleicht, wie so viele andere Leser:innen auch, links liegen gelassen hat) erklärt habe. Was der Kritiker nicht sagt und vielleicht nicht mitgeschnitten hat, ist, dass die Dialoge mehrheitlich nicht „ausgedacht“ sind. Es sind vielmehr weitflächige Zitate aus unzähligen Interviews und Selbstzeugnissen. in immerhin 350 Fußnoten werden die Originalstellen alle dokumentiert und mitgeteilt. Und ich gebe auch meine Gründe an, warum ich es für plausibel halte, dass diese Gespräche so (oder ähnlich) stattgefunden haben. Mein Buch als „Mogelpackung“ zu bezeichnen, ist darum recht unangebracht – das Kompliment müsste ich gegebenenfalls zurückgeben, denn diese Buchkritik ist eher eine Kritiksimulation.
Das zeigt sich besonders drastisch in dem Zitat, das dieser SZ-Artikel sogar in die Überschrift hinein geadelt hat:
„Dann lässt er noch einen Satz folgen, bei dem man sich endgültig fragt, wo man denn hier gelandet ist. Es geht natürlich noch einmal um Monroes Brüste: ‚Mit jedem Atemzug heben und senken sie sich wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden.’“
(Süddeutsche Zeitung)

Die Süddeutsche Zeitung hatte früher mal belesenere Rezensenten, die dieses Zitat im Zitat natürlich decouvriert hätten. Es handelt sich nämlich um ein wörtliches Zitat aus dem Hohen Lied der Bibel (und übrigens wird auch nicht nur dieser Satz, sondern eine längere Textstelle in meinem Buch zitiert). Und dieses Zitat hat eine wichtige Funktion: Es steht nämlich für die jüdische Religionszugehörigkeit, die Anna Freud mit Marilyn Monroe teilt. Die Monroe ist nämlich Mitte der 1950er-Jahre zum jüdischen Glauben übergetreten – ein Umstand, der in Deutschland praktisch unbekannt ist (warum wohl?) und in meinem Buch eine wichtige Rolle spielt. Nichts davon liest man in der Buchbesprechung der Süddeutschen Zeitung. Womöglich hat es der Rezensent gar nicht gemerkt, denn er ist von Beruf auch gar kein Literaturkritiker, sondern der Filmredakteur dieser Zeitung. Da muss man vielleicht nicht so viel gelesen haben, man muss vielleicht keine literarischen Bezüge nachvollziehen oder Zitate aus der Weltliteratur entschlüsseln können. Aber als Filmredakteur sollte man doch ein paar Filme gesehen haben. Und gerade im Film ist Reenactment gang und gäbe und wird regelmäßig in dokumentarischen Werken dialogisiert, nachgespielt und inszeniert. Was der Film darf, soll das Buch nicht dürfen? Quod licet movie, non licet libri?
Weil der Filmredakteur sich im Literaturfeld nicht so gut auskennt, aber doch unheimlich kritisch daher kommen will, geriert er sich als kleingeistiger Kritikaster:
„Das fängt bei stilistischen Kleinigkeiten an. Einen Film als ‚Streifen‘ zu bezeichnen, sollte dringend unter Strafe gestellt werden. Das ist ungefähr genauso schrecklich, wie wenn man für eine Brille das Synonym ‚Nasenfahrrad‘ verwendet.“
(Süddeutsche Zeitung)
Die sprachliche Sensibilität des Rezensenten reichte offensichtlich nicht so weit, sich vorzustellen, dass ich in meinem Buch versuche, auch sprachlich das Kolorit der 50er-Jahre erfahrbar zu machen. Wohlfeil ist eine solch billige Kritik in einer Zeitung, die mittlerweile täglich orthographische und grammatische Stilblüten bis in die Überschriften hinein fabriziert. Im übrigen finde ich „Nasenfahrrad“ ein wunderbares Wort und werde es künftig extensiv benutzen.
Dass schließlich mein Buch sich in „softpornografischen Fantasien“ ergehe, dafür bleibt der Kritiker den Nachweis schuldig. Vermutlich meint er damit die Zitate aus dem Alten Testament. Aber potentielle Leser:innen hat er mit dieser Formulierung bestimmt sehr neugierig gemacht. Und dafür möchte ich dann doch auf gut bairisch „vergelt’s Gott“ sagen.
SZ: Brüste „wie zwei junge Rehzwillinge, die unter den Rosen weiden“?

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