Biennale ’26: Kunst betrachten

Zum Wiegenfest hatte ich das große Glück, einen kurzen Trip nach Venedig zur Kunst-Biennale anzutreten. Zwei Tage für Arsenale, Giardini und die ein oder andere Sonderausstellung in den Palazzi der Lagunenstadt ist nicht viel, reicht aber für ein intensives Kunsterlebnis und ein bisschen Italien-Wohlgefühl. Ich möchte hier ein paar Gedanken zum Thema teilen, die mich schon eine Weile beschäftigen.

Moderne und modernste Kunst national zu organisieren, ist das erste, was den Besucher etwas irritiert. Das umso mehr, als die Kamerun-Schweizer Kuratorin Koyo Kouoh (die tragisch mitten in den Vorbereitungen der Ausstellung im Mai 2025 im Alter von 57 Jahren gestorben ist) sich alle Mühe gegeben hat, ein Programm zusammenzustellen, das die Künste der Welt in den Mittelpunkt der Betrachtung stellen sollte. In den nationalen Pavillons organisieren die Gastgeberländer ihre Ausstellungen autonom. Das reizt zur Provokation, aber häufig nicht wegen der ausgestellten Grund, sondern aus geopolitischen Gründen. Bei der letzten Biennale blieb der israelische Pavillon mitten im Gazakrieg geschlossen. in diesem Jahr sorgte für verständliche Aufregung, dass die russische Föderation mit ihrem Pavillon wieder vertreten war – wenn auch nur mit einer drögen Videoinstallation, die man von außen durch eine Glastür sehen konnte.

Das kleine Österreich schaffte in diesem Jahr bei der Biennale große Aufmerksamkeit durch die Performance der Tanzkünstlerin Florentina Holzinger und ihrer Nackttanztruppe. Bis zu drei Stunden Wartezeit, um eine barbusige Tänzerin als Glockenschlegel zu bewundern? Immer noch schafft man es offensichtlich, mit ostentativer Nacktheit so etwas wie einen Skandal zu provozieren – das sagt mehr über das Publikum als über die Kunst (oder gar über Österreich) aus. Als ich in den Giardini war, war der österreichische Pavillon geschlossen: Was für ein Glück …

Zeitgenössische Kunst hat durchaus immer noch das Potential, zu berühren, zu inspirieren und nachdenklich zu machen. In den hellen Momenten schafft das auch die Biennale 2026. Häufig kommt mir diese Kunst und kommen mir viele ausgestellte Werke aber vor allem overgagt vor. Sie sucht die schnelle Pointe wie sonst nur Comedyformate im Privatfernsehen, die zum Gähnen reizen. Denn Kunst, die die Pointe sucht, will den schnellen Abschuss, das rasante Urteil, den unmittelbaren Reflex. Doch so schnell der Witz verstanden ist, so wenig lädt sein Kunstwerk zur längeren Betrachtung ein, zur Entdeckung tieferer Bedeutungsschichten, zum Ausloten alternativer Deutungen. Besonders deutlich scheint mir das bei vielen Exponaten mit dezidiert politischer Stoßrichtung zu sein. Das engagierte Kunstwerk fordert vom Betrachter gerade kein Engagement mehr: „Der Planet muss gerettet werden“, „der Kolonialismus hat bis heute negative Auswirkungen“ oder „der Reichtum ist in der Welt ungleich verteilt“ sind als politische Losungen unterstützenswert, sie sind in ihrer Allgemeingültigkeit aber auch Gemeinplätze, die es jedem recht machen und niemanden herausfordern. Sie laden nicht zum Denken ein, sie überraschen niemanden und sie töten damit das Kunstwerk, das für so schlichte Münze mit maximalem Aufwand Material und Farben aufeinandertürmt. Ein solches Werk lässt nichts Frappantes entdecken, ist nicht offen für Deutungen, kein „offenes Kunstwerk“, das Umberto Eco einst apostrophiert hat. Es ist vielmehr Kunst als Schließmechanismus, die sich konsumieren lässt wie Junk Food, schnell geknabbert und noch schneller verschluckt.

Die Kulturtheoretikerin Sianne Ngai hat in ihrer Theory of the Gimmick: Aesthetic Judgment and Capitalist Form (2020) gerade jene ästhetische Enttäuschung untersucht, bei der etwas Aufmerksamkeit und Wert beansprucht, seinen Anspruch aber nicht einlöst. Ein Gimmick wirkt zugleich angestrengt und zu leicht gemacht: enormer Aufwand auf der einen, ein dünner Einfall auf der anderen Seite. Ngai analysiert damit keineswegs nur Kunst, sondern eine umfassendere Form kapitalistischer Warenästhetik.

Und damit die Botschaft auch jene noch erreicht, die partout die Tiefe in der Kunst nicht missen wollen und verzweifelt danach suchen, haben die Ausstellungsmacher:innen der Jetztzeit den Begleittext erfunden, der die Banalität künstlerischen Ausdrucksvermögens noch unterschreiten möchte. Mit sprachlichen Girlanden, den Sinn weitgehend umschiffenden Sprach-U-Booten und aufgetürmten Worthülsen wird Kunst hier vermeintlich auf einen Sockel hinauf alphabetisiert, der letztlich nur zu noch tieferem Sturz führt. Seit Jahren versuche ich zu vermeiden, in Museen und Ausstellungen diese sprachlichen Kunstverballhornungen zu lesen. Ausstellungsmanager scheinen dieses Problem bei den unbeugsamen unter ihren Besucher:innen identifiziert zu haben, denn sie inszenieren ihre kunstjournalistischen Suaden mit einer raumfüllenden Intensität, die einen nachgerade anschreit: Wenn schon keine große Kunst, dann wenigstens große Schrift! In vielen aktuellen Ausstellungen würde man sehr viel mehr Zeit mit Lesen, denn mit Gucken verbringen, würde man all diese Sprach-Elaborate Wort für Wort durchexerzieren.

Der Befund bestätigt sich auch empirisch. Die Soziologin Alix Rule und der Künstler David Levine haben für ihren Essay International Art English (2012) ein Korpus von Kunst-Pressemitteilungen analysiert. Ihre Kritik gilt einem esoterischen, international verbreiteten Kunstjargon, dessen Abstraktionen und sprachliche Konventionen nicht mehr informieren, sondern nur Zugehörigkeit und Bedeutung signalisieren. Die Sprache des theoretischen Anspruchs kann sich dabei, wie die Autor:innen schlussfolgern, von präzisen Aussagen ablösen. Hinter dem Vokabular finden sie oft nur banale Gedanken. 

So wenig Vertrauen scheinen Künstler:innen und Kunstmanager:innen in ihre Exponate zu hegen, dass in vielen Ausstellungsräumen zusätzlich zum visuellen Eindruck noch ein Akustikteppich über Lautsprecher dargeboten wird, der auf direktem Wege aus der Hölle von Horror-B- oder -C-Movies zu stammen scheint und rein gar nichts mit der Botschaft zu tun zu hat. Da summt und wummert und blubbert es, dass es keine Freude ist. Auge und Sehsinn scheinen für zeitgenössische Kunst nicht mehr auszureichen, es muss unbedingt auch noch was auf die Ohren geben. Wohl den älteren Ausstellungsbesuchern, die einfach das Hörgerät stumm schalten können!

Adorno schrieb einmal vom Rätselcharakter des modernen Kunstwerks. Rätselhaft scheint mir in erster Linie, wie Künstlerinnen und Künstler ihre oftmals belanglosen Botschaften mit nichtssagenden Texten und einem banalen Geräuschteppich kombinieren können, bis auch der letzte Rest wahlgemeinter Bedeutung dem Kunstwerk entwichen ist.

Zur rein schematischen Emotionalisierung durch diese Soundteppiche kommt noch die unangemessene Überwältigung, wenn in Dolby Surround Sound Bassreflexboxen das Zwerchfell bombardieren. Dena Beard und Frank Smigiel beschreiben in einem Interview, wie Video-Tonspuren sogar noch in andere Räume eindringen und selbst dort die Betrachtung von Gemälden prägen. Zugleich diskutieren die beiden die Bedeutung von Stille und von Werken, die trotz ihrer Intensität Raum für Reflexion lassen. 

Was einem auch auf Schritt und Tritt beim Biennale-Rundgang begegnete, waren Videoinstallationen. Tatsächlich, Videoinstallationen. Und das in Zeiten von Instagram und YouTube, von Smartphone und Smart Glasses, in denen dem Bewegtbildmedium wahrlich kein Geheimnis mehr zu entlocken ist. Enervierend sind Videos im Museum auch deswegen, weil man buchstäblich hineinstolpert: Weder weiß man, wann und wo die Videospur angefangen hat, noch erfährt man in der Regel, wie lange der Film geht oder um was es überhaupt gehen soll. Diese Videoinstallationen geben den Besucher:innen darum ein existenzielles Gefühl von Einsamkeit, denn sie müssen sich von allen guten Seelen sowie dem guten Willen der Kurator:innen wirklich allein gelassen fühlen.

Wahrlich, Kunst muss kein hohes Reflexionsniveau in Form einer argumentierbaren Botschaft besitzen. Eine Arbeit kann sprachlich wenig behaupten und dennoch zu Wahrnehmung, Erinnerung, wenn nicht sogar zu körperlicher Erfahrung inspirieren. Umgekehrt kann ein theoretisch anspruchsvoller Begleittext ein schwaches Werk nicht retten. Der Kunst vertrauen, heißt – den Kurator:innen dieser Welt ins Stammbuch geschrieben – ein Bild einfach ein Bild sein lassen, Skulptur Skulptur und von mir aus auch Gewobenes und Geflochtenes, Geklebtes und Collagiertes so, wie es eben ist. Wäre das ein (offener) Kunstgenuss!


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