Schlange stehen in Italien

Wenn Menschen in der Vergangenheit eine Italienreise planten, haben sie gerne mich als jemand, der eine geraume Weile in dem Land verbracht hat und der Sprache mächtig ist, nach Tipps gefragt. Ich habe dann früher, vor allem was das Thema Kulinarik angeht, gerne geraten, nach Trattorien und Restaurants mit Schlangen wartender Menschen Ausschau zu halten. „When in Rome, do as the Romans“, sagt das englische Sprichwort.

Nun hat, wie ich bei meinem aktuellen Rom-Aufenthalt lernen muss, der Charakter der Warteschlange sich grundlegend geändert. Schlangen begegnen einem weiterhin, ja, in Zeiten des Overtourism sogar mehr denn je. Aber diese Schlangen befinden sich an teils unerfindlichen, ja lächerlichen Orten und wer sich dort anstellt, hat, um Karl Lagerfeld zu zitieren, die Kontrolle über sein Leben verloren. Ich bin dem Phänomen also nachgegangen, und das ganz ohne Warteschlange!

Zum ersten Mal ist mir eine rätselhafte Warteschlange bei meinem letzten Romaufenthalt vor zwei Jahren aufgefallen. Wir bogen gerade in die Via degli Orfani ein, um zu unserer bevorzugten Gelaterie zu gelangen („Della Palma“, mit 150 Eissorten! Es gibt anderorts genau so gutes, vielleicht so gar besseres Gelato, aber nicht so viel davon). Auf dem Weg bemerkten wir eine enorm lange Warteschlange, die sich in mehreren Reihen sogar bis um die Straßenecke zog. Ich mutmaßte, in irgend einem Hotel in der Umgegend müsse eine Hollywoodschauspielerin oder ein Rockstar abgestiegen sein, und nun warteten die Autogrammjäger. Aber weit gefehlt: die Menschen standen Schlange vor einer Panineria. Es gab dort belegte Brote. Genau diese Art von Panino, die man in praktisch jeder Bar in Rom erhält, ohne jedes Schlangestehen. Dafür waren die Panini, auf die die Leute hier so geduldig wie die Lämmer warteten, völlig überteuert. Ein wertvoller Hinweis eines damals Unter-18-Jährigen und eine schnelle Internetrecherche ergaben, dass diese Bäckerei in einer Streaming-Serie eine unwesentliche Rolle spielte. Das reicht offenbar, um einen irrationalen Hype auszulösen.

Schlangen findet man heute in Rom vor Sightseeing-Spots, die man früher eher im Kleingedruckten gefunden hätte. Vor dem „buco“, dem Schlüsselloch der Maltheserritter, durch das man ganz niedlich die Kuppel des Petersdoms sehen kann, steht heute eine endlose Schlange. Man guckt durchs Loch, versucht vergeblich, hindurch zu knipsen (der Aufofokus der Smartphones verhindert das) und geht wieder. Ähnlich die „bocca della veritá“: Bekannt ist sie hauptsächlich aus einem alten 50er-Jahre-Film mit Audrey Hepburn. Solche Brunnenschlusssteine gibt es in Rom zuhauf (z.B. ganz in der Nähe auf dem Aventin neben der Kirche Santa Sabina). Kam man früher an der Kirche Maria in Cosmedin vorbei, dann nahm man dieses Kleinod im Vorbeigehen mit. Aber eine halbe Stunde Schlange stehen, nur um ein einzelnes Foto zu machen? Absurd. Zumal man den Stein sehr gut von außen sehen kann, es also keinen Grund gibt, dafür eine mühevolle und ennervierende Wartezeit auf sich zu nehmen.

Es gibt Warteschlangen auch heute in Rom, auf die muss man sich einlassen. Vor St. Peter oder vor St. Giovanni in Lateran gibt es heute Sicherheitskontrollen, um die kommt man nicht herum – aber die katholischen Hauptkirchen sind selbstverständlich ein Muss für Romreisende. Auch für die Kuppelbesteigung des Petersdoms muss man heute Wartezeit hinnehmen, man sollte aber dieses Vergnügen keinesfalls auslassen.

Mir sind aber Warteschlangen begegnet, über die ich mir nur die Stirne kratzen kann. Zur Absurdität gesteigert etwa war die Schlange, die ich gewahrte, kaum dass ich die Kirche St. Ignazio betrat. Dieses Gotteshaus ist wirklich sehenswert, so wie praktisch jede Kirche in Rom (Regel: Gehe nie an einem Kircheneingang vorbei, wenn er geöffnet ist. Nie!). Es handelt sich um die zweite Hauptkirche der Jesuiten in Rom (Ignazio von Loyola hat diesen Orden gegründet). Es ist aber keine der Patrimonialkirchen, sie liegt auch nicht an den touristischen Hauptströmen (wiewohl in der Nähe der Via del Corso). Es gibt kunstgeschichtlich und theologisch wahrlich wichtigere und sehenswertere Orte in der Ewigen Stadt.  Früher hatte man darum diese Kirche praktisch für sich allein. Doch das ist vorbei. Warum sich allerdings schon im Eingangsbereich eine Schlange bildete und wohin sie eigentlich führte, war mir zuerst nicht klar. Ich ging einfach an ihr vorbei und betrat das Hauptschiff der Kirche. Und dann wurde mir alles klar: Im Zentrum des Hauptraums liegt ein großer Spiegel auf dem Boden, damit man sich das sensationelle Deckenfresco von Andrea Pozzo bequem ansehen kann, ohne den Hals zu recken. Und die Leute standen Schlange, um sich vor diesem Spiegel postieren zu können. Wohlgemerkt, den Wartenden ging es nicht darum, das Fresco sehen zu können. Dafür hätte man einfach nur nach oben gucken müssen. Aber wenn man direkt vor dem Spiegel steht, kann man sich selbst fotografieren und dieses gespiegelte Fresco als Hintergrund verwenden! Man stelle sich vor, jahrelang hat der Künstler auf einem Baugerüst mit seinen Gehilfen auf dem Rücken gelegen, um dieses Meisterwerk zu schaffen, und im Social-Media-Zeitalter ist es zur Fototapete verkommen. Heiliger Ignaz, stehe uns bei! Es geht den Wartenden einzig und allein um die Instagramability. Geknipst werden nicht Kunstwerke für die Ewigkeit, sondern man fotografiert sich selbst. Hochkultur ist in den Niederungen der Selfi-Mode angekommen. Knipso ego sum. Und dass sich damit nach Bordieu kulturelles Kapital ansammeln lässt, kann man nach der Länge der Warteschlange bemessen.

Es gibt eine Philosophie oder vielleicht besser: Psychologie der Warteschlange. Schlangestehen wurde einst oft als Symbol für Ordnung, Fairness und geduldige Kooperation gesehen: Man nimmt seine „gerechte“ Stelle ein, verzichtet auf Vordrängeln und akzeptiert Regeln, die von allen gemeinsam getragen werden. Philosophisch liegt darin ein kleines Experiment über Gerechtigkeit, Zeitwahrnehmung und soziale Normen: Wer in der Schlange steht, signalisiert, dass er die Regeln des Alltagsverkehrs anerkennt und verzichtet, zumindest für eine Weile, auf maximale persönliche Effizienz zugunsten kollektiver Ordnung. Aber das ist vielleicht eine allzu romantische Vorstellung der Warteschlange.

In seinem Artikel Waiting for Service: Affective Responses, Satisfaction and Decisionmaking of Consumers Waiting in Queues (2002) analysiert Dilip Soman, wie Wartezeiten Gefühle, Zufriedenheit und späteres Konsumverhalten beeinflussen. Er zeigt, dass emotionale Zustände (Frust, Gelassenheit) während des Wartens direkt mit der späteren Bewertung des Dienstleistungserlebnisses und der Wahrscheinlichkeit zusammenhängen, ob jemand bereit ist, weiter zu warten oder zu gehen. Gemeinsam mit Rongrong Zhou hat Soman gezeigt, dass Menschen nicht nur die Länge der Schlange vor sich, sondern auch die Zahl der Wartenden hinter ihnen bewerten. Je länger die Schlange hinter einem selbst ist, desto eher fühlen sich Wartende psychologisch „besser gestellt“, was ihre Stimmung hebt und ihre Ausdauer vergrößert – ein klassischer sozialer Abwärtsvergleich im Warten.

Heute ist der Preis, den man für das Warten erhält, ein Foto, ein Posting und die daraufhin ergatterten Likes und Kommentare. Die Weltkultur, das Erbe der Menschheit und die Höhepunkte humaner Entwicklung sind nur noch eine Folie, um sich selbst in der kulturfreien Zone der sozialen Medien zu präsentieren. So wird kulturelles in soziales Kapital umgetauscht. Aber der Wechselkurs ist sehr ungünstig – jedenfalls für die Kultur.

Ich spüre an mir selbst, wie ich immer häufiger das Smartphone in der Hosentasche lasse und stattdessen versuche, mich auf den Augenblick, das unmittelbare Erlebnis einzulassen. Das bringt mir keinerlei kulturelles oder soziales Kapital, aber es ist unbezahlbar.

Es gibt sie immer noch, die Orte der Kultur und des Genusses, die man selbst in Rom oder anderen touristischen Hotspots für sich (fast) allein haben kann. Niemals aber würde ich irgendetwas davon über Social Media ausplaudern. Es tötet diese wunderbaren Orte. Es macht aus Kleinoden Großode. Letzteres Wort gibt es gar nicht, und das ist gut so: Es ist ein Widerspruch in sich, so wie Kleinkunst im Fußballstadion oder Miniaturen in Großformat. In meinen Lieblingstrattorien, die ich in den letzten Tagen wieder besuchen durfte, waren tatsächlich zur besten Uhrzeit noch Tische frei. Die Massen tummeln sich an Orten, die es in die Top Ten auf Tripadvisor geschafft haben.

Jetzt gleich besuche ich eine etwas abseits gelegene Kirche. Dort findet sich in einer Seitenkapelle eine Skulptur von Bernini, rätselhaft und wunderschön. Ich weiß, dass ich dort allein sein werde. So viel Luxus muss sein. Und ich werde den Teufel tun, euch zu erzählen, wo das ist.


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