Herausforderungen für die digitale Gesellschaft mit besonderer Rücksicht auf vulnerable Gruppen

Digitale Kommunikation eröffnet enorme gesellschaftliche Chancen – zugleich schafft sie neue Angriffsflächen. Cyberangriffe, Desinformation und gezielte Manipulation von Informationen können nicht nur technische Systeme beeinträchtigen, sondern auch Vertrauen, gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Öffentlichkeit beschädigen. Der von Hektor Haarkötter, Mariana Ochoa Moreno und Mario Anastasiadis herausgegebene Sammelband „Cybersicherheit und Desinformation. Herausforderungen für die digitale Gesellschaft mit besonderer Rücksicht auf vulnerable Gruppen“ nimmt diese Zusammenhänge in den Blick. Er verbindet Perspektiven aus Kommunikationswissenschaft, Informatik, Sozialwissenschaften und anwendungsorientierter Sicherheitsforschung und fragt insbesondere danach, wie Menschen erreicht und geschützt werden können, die gegenüber digitalen Risiken besonders verletzlich sind. Dazu zählen unter anderem ältere Menschen, Jugendliche und Menschen mit Migrationsgeschichte.
Ausgangspunkt des Bandes sind die beiden vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderten Forschungsprojekte CrossComITS und NEBULA. CrossComITS entwickelte eine crossmediale Plattform, mit deren Hilfe IT-Sicherheitstrainerinnen und -trainer Inhalte zur Cybersicherheit zielgruppengerecht vermitteln können. Das Projekt folgt einem „Train-the-Trainer“- Ansatz und untersucht zugleich, welche Kommunikations- und Vermittlungsformen geeignet sind, vulnerable Gruppen tatsächlich zu erreichen. NEBULA widmete sich dagegen der Entwicklung nutzerzentrierter, KI-basierter Verfahren zur automatischen Erkennung von Fake News und Fehlinformationen. Der Sammelband führt zentrale Ergebnisse beider Projekte zusammen und ergänzt sie um Beiträge aus der wissenschaftlichen Begleitforschung.
Die Beiträge decken dabei ein breites Spektrum ab. Sie untersuchen etwa, wie Cyberangriffe gesellschaftliches Vertrauen erodieren konnen, wie altere Erwachsene für Fragen der Cybersicherheit sensibilisiert und befahigt werden können und welche Rolle dabei vertraute Bezugspersonen oder Pflegefachkratte spielen. Weitere Kapitel beschäftigen sich mit simulationsbasierten Lernangeboten, Crossmedia-Storytelling und partizipativen Ansätzen für unterschiedliche Zielgruppen. Einen zweiten Schwerpunkt bilden technische und kommunikationswissenschaftliche Verfahren zum Umgang mit Des- und Fehlinformation: Dazu gehoren automatische Detektionsverfahren auf Basis von Wissensgraphen, nutzerzentrierte Gegenmaßnahmen gegen multimodale Desinformation in Video, Audio und Datenvisualisierungen sowie Kl-gestützte Ansatze, die speziell gemeinsam mit vulnerablen Gruppen entwickelt werden. Auch die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen Fact-Checking-Anwendungen vertrauen, wird empirisch untersucht.
Charakteristisch für den Band ist damit die Verbindung von technischer Cybersicherheit, Kommunikation und gesellschaftlicher Teilhabe. Sicherheit wird nicht allein als technisches Problem verstanden, sondern als Aufgabe, die Vertrauen, Medienkompetenz, Zuganglichkeit und soziale Voraussetzungen mitberücksichtigen muss. Zugleich zeigt der Band anhand konkreter Forschungs-und Entwicklungsprojekte, wie aus wissenschaftlicher Erkenntnis praxistaugliche Anwendungen und Assistenzsysteme entstehen können. Das abschließende Kapitel reflektiert deshalb auch die besonderen Anforderungen transdisziplinärer Entwicklungsprojekte an der Schnittstelle von Forschung und Produktentwicklung.
Der rund 300 Seiten umfassende Band ist 2026 bei Springer VS in der Schriftenreihe „Medien – Aufklärung – Kritik“ der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e. V. erschienen.
Hektor Haarkötter, Mariana Ochoa Moreno, Mario Anastasiadis (Hg.): Cybersicherheit und Desinformation. Herausforderungen für die digitale Gesellschaft mit besonderer Rücksicht auf vulnerable Gruppen.
Wiesbaden: Springer VS 2026, 290 S., ISBN 978-3-658-52211-7
DOI: https://doi.org/10.1007/978-3-658-52212-4
(= Medien – Aufklärung – Kritik. Schriftenreihe der Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V., Bd. 4).