Die diesjährige Karnevalssession ist fast vorbei. Aber eine Sache brennt mir schon seit langem auf den Nägel, und ich muss sie einfach mal loswerden: Bin ich eigentlich der einzige, dem es bei dem Kölschpop-Lied „Polka Polka Polka“ der Band „Brings“ den Magen rumdreht?
Es ist natürlich wahr: Man darf die Texte des Kölschen Liedguts nicht auf die Goldwaage legen. Natürlich ist das meistenteils schlimme Heimattümelei, häufig in recht dürftigen Versen, musikalisch auf oft unteres Drittel von „low level“. Aber es macht Spaß, es bringt Leute zum Mitsingen und Tanzen – also was soll’s?!
Anders verhält sich das, jedenfalls bei mir, mit diesem Polka-Lied von „Brings“. Das ist (wirklich nur in meinen Ohren?) schlimme Landser-Lyrik. Es könnte die Hymne für das „Unternehmen Barbarossa“ sein, den verbrecherischen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Russland 1941:
„Der Wind is kalt und rau
(Brings)
Und mer wisse janz jenau
Et letzte Fass is leer
Un die Knoche die sin schwer“.
Das sind die ersten Zeilen des Lieds. Man sieht förmlich die deutschen Truppen in Dreck und Schnee Richtung Moskau ziehen. Dass dies wahrlich keine Überinterpretation ist, sagt der Refrain expressis verbis:
„Polka, Polka, Polka
(Brings)
Vom Rhing bis an die Wolga
Polka, Polka, Polka
Der Pitter un die Olga
Kabänes un ne Vodka
Polka, Polka, Polka
Alles halv su schlimm
Wenn mer zusamme sin“.
Also, die erste Strophe der deutschen Nationalhymne singen wir mit Bedacht nicht mehr, weil darin unter anderem der Vers „von der Maas bis an die Memel“ vorkommt. Der „Lebensraum“, den das „Brings“-Lied umfasst, geht über diesen Landnahmeanspruch indes weit hinaus. Band ohne Raum? All das passt natürlich nicht zusammen, aber auch das war schon immer so: Die Polka hat rein gar nichts mit Russland zu tun – sie ist ein böhmischer Tanz, und „Polka“ heißt auf tschechisch „die Polin“. Der unfassbar schlechte Eindruck, den das Lied schon bis zu dieser Stelle macht, verstärkt sich noch drastisch, wenn man sich die zweite Strophe ansieht. Es tut fast weh, sie hier zu zitieren:
„Un is der Winter noch su lang
(Brings)
Mer glövve fes do dran
Mer han su viel durchjemaht
Jetz mache mer uns grad
Un steht die Welt in Flamme
Mer ston all zusamme
Ejal woher mer kumme
Jetz han mer uns jefunge“.
Die deutsche Invasionsarmee, die im russischen Winter steckenbleibt, man sieht sie vor Augen. Dazu mischt sich die typisch deutsche Larmoyanz, sich statt als Täter als Opfer zu inszenieren („Mer han su viel durchjemaht“). Aber die deutschen Landser, sie sind eben hart wie Kruppstahl („Jetz mache mer uns grad“)! Dann kommen noch Verse, die an die Untergangslyrik etwa einer Zarah Leander mit ihrem „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ erinnert („Un steht die Welt in Flamme/Mer ston all zusamme“). Bei Liveauftritten greift Gitarrist Stephan Brings dann auch noch zur Balalaika wie weiland die Donkosaken, um dem Traum vom Lebensraum im Osten musikalisch Nachdruck zu verleihen.
Sicher, es passt in diese große Zeit, dieses Lied, und auch das große Instrument passt dazu. Passt es zu „Brings“? Die Band steht ja eigentlich im Ruf, „links“ zu sein (was immer das heißt). Der Weg nach Osten allerdings, der führt auf der Landkarte ganz weit nach rechts. Ich jedenfalls boykottiere dieses Lied seit Jahren. Mir ist der Lebensraum im Rheinland zwischen Rur und Rhein völlig ausreichend. Wie seht ihr das?

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