Kulturstaatsminister Weimer hat drei linke Buchläden von der Preisliste für den Deutschen Buchhandlungspreis gestrichen. Über sie lägen verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse vor. Bislang war es nicht üblich, dass ein Kulturstaatsminister in die Entscheidung der Jury eingreift. Ich selbst kenne einen der Buchläden sehr gut. Hier erzähle ich meine Geschichte.
Wie die Süddeutsche Zeitung zuerst berichtete, hat die Jury 118 Buchhandlungen aus ganz Deutschland für die aktuelle Preisverleihung ausgewählt. Weimers Behörde strich jedoch drei von der Liste. Es fehlen „Golden Shop“ in Bremen, „Rote Straße“ in Göttingen und „Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin.
Ich selbst habe als Student fünf Jahre in Göttingen direkt über dem Buchladen „Rote Straße“ gewohnt, als er sich noch wirklich in der Roten Straße in der Göttinger Innenstadt befand. Der Buchladen war in dieser Zeit tatsächlich mein zweites Wohnzimmer. Wenn ich von der Uni nachhause kam, bin ich erstmal in den Buchladen, um zu sehen, was es Neues gab. Der Laden war spezialisiert auf politische und historische Literatur — natürlich, was denn sonst, denn es war nicht nur der Buchladen „Rote Straße“, sondern es war der „Rote Buchladen“. So nannten wir ihn auch alle. Er war daneben aber damals (wir reden von Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre) auch extrem gut sortiert in allem, was mit Neostrukturalismus und Postmoderne zu tun hatte: In den damaligen geistes- und sozialwissenschaftlichen „Diskursen“ war das der heiße Scheiß. Der Laden führte aber auch eine riesige Auswahl an Krimis – das Genre, das sich mit Abstand am besten verkaufte.
Ich weiß das auch deshalb so gut, weil ich wie viele andere Studis einmal im Jahr bei der Inventur geholfen habe. Zwei Tage kletterten wir auf Leitern rum, um auch die entlegenen (und verstaubten) Exemplare von Büchern zu zählen und aufzuschreiben. Dafür gab es anschließend ein kollektives Spaghetti-Essen. Ja, der Rote Buchladen war ein Kollektiv, darauf legte man wert. Nicht die schlechteste Organisationsform für einen Wirtschaftsbetrieb, der vor allem auf Selbstausbeutung beruhte (wie so viele andere Projekte). Die WG, in der viele der damaligen Buchhändler:nnen wohnten, überließ mir irgendwann ein orangefarbenes Klavier, das wir zu viert durch die Göttinger Fußgängerzone in unsere Wohnung in der Roten Straße bugsiert haben. Es war in keinem guten Zustand, aber ich konnte darauf spielen. Ein echter Beitrag zur Kulturförderung!
Es gab damals in Göttingen drei Buchläden, die ganz okay waren. Aber wer irgendwas Geistes- oder Sozialwissenschaftliches studierte, kam um den Roten Buchladen eigentlich nicht rum. Die damalige SPD-Bundestagsabgeordnete und ihr Mann, ein SPD-Europaparlamentarier, waren auch regelmäßig in dem Laden. Weiß ich deswegen sehr gut, weil ich mit deren Tochter befreundet war und bin.
Wurden in dem Laden Bomben gebaut, zum Umsturz aufgerufen, die Demokratie gefährdet? Mitnichten. Es wurden Bücher verkauft. Mit Liebe und Hingabe. Die Leute kannten die Bücher, die sie verkauften. Sie hatten ein Sortiment, das noch den Namen verdiente, kuratiert von den Mitarbeiter:innen und sinnvoll präsentiert. Wer häufiger in Buchläden ist, weiß, dass das nicht selbstverständlich ist. Die Demokratie wurde (und wird?) vom Buchladen Rote Straße geschützt und verteidigt, nicht demoliert. Man sollte ihnen wirklich einen Preis dafür verleihen.
Das Verfahren, auf dessen Grundlage der Kulturminister jetzt dieses Geschäft für preisunwürdig hält, heißt Haber-Verfahren. Wie der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in einer Ausarbeitung 2020 erklärt, biete das Bundesinnenministerium allen anderen Ressorts an, Anfragen an das Bundesamt für Verfassungsschutz zu stellen, um geförderte Projekte zu überprüfen. Der Verfassungsschutz gebe dann eine „bewusst knapp gehaltene“ Meldung, ob Erkenntnisse vorliegen oder nicht, teile aber keine Details mit. Dieses Verfahren ist hoch umstritten, der Bundesdatenschutzbeauftragte hält es für datenschutzwidrig. Vielleicht müsste man mal diesen Bundeskulturminister überprüfen?
Was lernen wir also? Bücher können offensichtlich immer noch gefährlich sein. Und die, die sie verkaufen, auch. Irgendwann ist der Buchladen Rote Straße aus der Roten Straße ausgezogen: Für mich ein deutliches Zeichen, dass auch meine Tage in Göttingen gezählt waren. Ich kaufe heute meine Bücher in Köln im „Anderen Buchladen“ (der übrigens lange eine Partnerschaft mit dem „Roten Buchladen“ in Göttingen hatte) und in der Buchhandlung Böttger in Bonn. Ich glaube, die sind auch gefährlich, denn sie verkaufen mir Bücher. Vielleicht sollten wir einen Preis stiften für besonders gefährliche Buchläden. Denn die scheinen in Gefahr zu sein.
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